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Volkssport auf der Insel 

(Von Christian Mixa)

Snooker - die große Leidenschaft der Briten 

Wenn sich die Stars des Snooker-Sports duellieren, hängen in Großbritannien Millionen Fans zuhause oder im Pub gebannt an den Bildschirmen. Die populärste Variante des Billards gewinnt auch hierzulande mehr und mehr Anhänger.

Welsh Dragon, Wizard of Wishaw, Darling of Dublin - die Spitznamen der Snooker-Stars sagen eigentlich schon alles: Snooker ist eine urbritische Angelegenheit. Dies zeigt auch ein Blick auf die Weltrangliste: Von den aktuellen Top 50 der Welt gibt es gerade einmal zwei Spieler, die nicht von den britischen Inseln oder aus einer früheren Kronkolonie stammen.

 

Volkssport und Straßenfeger

Snooker ist in Großbritannien ein echter Volkssport. Es gibt dort sechs Millionen aktive Spieler, fast genauso viele wie Fußballer. Die besten Spieler gehören auf der Insel zu den Top-Stars und Spitzenverdienern. Der siebenfache Weltmeister Stephen Hendry zum Beispiel hat in seiner bisherigen Karriere allein an Preisgeld umgerechnet mehr als zehn Millionen Euro eingespielt.

Das Crucible Theatre in Sheffield, seit 1977 jedes Jahr Schauplatz der Weltmeisterschaft, ist ein britisches Sport-Mekka. Das Staatsfernsehen BBC räumt für die WM im April zwei Wochen lang einen kompletten Kanal frei. Beim Final-Krimi 1985 zwischen Steve Davis und Dennis Taylor klebten 18,5 Millionen Briten vor dem Fernseher, das ist bis heute die Rekordquote bei einer Sportübertragung. Die Begeisterung für Snooker erstreckt sich auf die gesamten britischen Inseln: Als der Ire Ken Doherty 1997 Weltmeister wurde, wurde er daheim in Dublin auf den Straßen von 250.000 begeisterten Menschen empfangen.

 

Erfunden von britischen Offizieren

Urbritisch ist auch der Ursprung des Sports: Erfunden wurde das Spiel zur Blüte des Empire im Jahr 1875. Die im indischen Jubbulpore stationierten Offiziere des Devonshire Regiments pflegten die langen eintönigen Tage während des Monsuns gerne am Billardtisch totzuschlagen. Gelangweilt von den klassischen Spielvarianten, warf ein gewisser Sir Neville Chamberlain ein paar zusätzliche andersfarbige Bälle auf den Tisch - die Ur-Form des Snooker war geboren.

Die Regeln sind seitdem unverändert. Die Spieler müssen die Kugeln in einer bestimmten Reihenfolge in den Ecktaschen versenken, die roten Kugeln immer im Wechsel mit einer anderen Farbe. Ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad ist die immense Größe des Tisches, der in der Länge dreieinhalb Meter misst. Der weiße Spielball ist manchmal nur mit Verlängerungen und Hilfsqueues zu erreichen, komplizierte Stöße verlangen den Spielern ein Höchstmaß an Körperbeherrschung ab.

 

Mentale Stärke entscheidet

Am meisten kommt es im Snooker jedoch auf die mentale Stärke an. Ähnlich wie beim Schach muss der Spieler im Kopf mehrere Spielzüge im Voraus durchspielen. Ziel ist es dabei, nach Möglichkeit eine Serie von erfolgreichen Stößen zu erzielen, um den Satz, Frame genannt, für sich zu entscheiden. Hat man selber keine Möglichkeit zu lochen, kommt es darauf an, dem Gegner am Tisch keinen möglichen Einstieg in eine Serie zu hinterlassen. Im Idealfall wird der Weg des Spielballs durch eine andere nicht spielbare Kugel blockiert - eine unangenehme Lage, die im englischen auch "Snooker" genannt wird, daher der Name des Spiels.

 
Tradition und Fairplay

Die Tradition des Sports aus der britischen Militär-Oberschicht lebt bis heute fort. Der vornehme Dresscode, Smoking für die Schiedsrichter und Hemd mit Fliege für die Spieler, ist ebenso vorgeschrieben wie der gute Ton am Tisch. Rüpelhaftes Benehmen dagegen ist verpönt und wird bestraft. Auch auf Fairplay wird viel Wert gelegt. Es gibt keinen Spieler, der ein eigenes unbemerktes Foul, etwa ein leichtes Touchieren der Kugel vor dem Stoß mit dem Körper, nicht sofort beim Schiedsrichter anzeigen würde. Die entscheidenden Spiele bei den großen Turnieren, auch dies eine typisch britische Eigenart, ziehen sich oft über zwei komplette Tage.

 
Viele kleine Dramen

Solche Mammut-Matches machen den Sport, der auch in Deutschland immer mehr Fans gewinnt, erst so faszinierend, meint Rolf Kalb, der Snooker-Fachmann von der Deutschen Billard-Union: "Snooker ist eine Aneinanderreihung vieler kleiner Dramen, die sich im Idealfall zu einem großen Spannungsbogen vereinen." Die ruhige, fast schon meditative Stimmung am Tisch macht die Emotionen der Spieler für den Zuschauer greifbar. Außerdem sind im Snooker, ähnlich wie zu den großen Zeiten des Profitennis in den Siebzigern und Achtziger Jahren, noch echte Typen unterwegs, mit denen man mitfiebern und leiden kann. Das Idol der englischen Fans ist der geniale Ronnie O’Sullivan, Spitzname "The Rocket", der den Tisch im Rekordtempo abräumen kann wie kein Zweiter, aber auch immer wieder von schweren Depressionen zurückgeworfen wird. Seine Biographie, in der O’Sullivan ungewöhnlich offen über seine Krankheit spricht, hielt sich über mehrere Monate in den Bestsellerlisten.

Und dann ist da noch Jimmy White, einer der Besten aller Zeiten und die tragische Figur der Szene. White jagt seit 28 Jahren vergeblich dem Weltmeistertitel hinterher. Sechsmal stand er im Finale, zwischen 1990 und 1994 sogar fünfmal in Folge - und verlor doch immer. Ein Held des Scheiterns und gerade deshalb so geliebt in England, wo sie wie nirgendwo sonst ein Herz für große Verlierer haben.